Der Festsaal
Den abschließenden Höhepunkt im Rundgang durch das Klostermuseum bildet der Festsaal im zweiten Obergeschoss des Konventbaues. Im Vorraum geben mehrere Informationstafeln und eine Infothek Auskunft über Entstehung und Ausgestaltung dieses einzigartigen Raumes.
Jedes Reichsstift besaß für offizielle Repräsentationspflichten einen sogenannten „Kaisersaal“. Die Abtei Neresheim strebte die Reichsunmittelbarkeit an und plante in die gegen Ende des 17. Jahrhunderts unter Abt Simpert Niggl (1682-1706) begonnene barocke Gesamterneuerung der Klosteranlage einen entsprechenden Raum für repr sentative Anlässe ein. Im Hinblick auf seine bescheidenen Ausmaße wurde er jedoch stets nur als „Festsaal“ bezeichnet. Sein Bau wurde 1699 begonnen und 1702 vollendet.
„Er ist 23,7 Meter lang, ca. 10,5 Meter breit und 6 Meter hoch. Sechs Fenster nach Westen und drei nach Süden lassen genug Licht hinein.“ Mehr verzeichnen die Bauakten nicht. Sein erstes Aussehen ist nicht überliefert. Abt Amandus Fischer (1711-1729) veranlasst 1719 eine gänzliche Neugestaltung. Für den Entwurf und die Ausführung wird Dominikus Zimmermann, Architekt und Stuckateur der Wessobrunner Schule, gewonnen. Die Ausstattung nach seinen Vorstellungen wird 1719 begonnen und bereits 1720 abgeschlossen.
Bis zur Säkularisation des Klosters im Jahr 1802 wird der Festsaal für den Empfang hoher Gäste wie der Herzöge von Württemberg, für Zusammenkünfte der Niederschwäbischen Benediktinerkongregation, für Musik- und Theaterveranstaltungen des Klostergymnasiums genutzt.
„Welch ein erfrischender Blick in die Schöpfung! Doch der weise Klosterbewohner sieht hier mehr, als was bloß das Auge entzückt.“ C.C.L. Hirschfeld, 1785
Die niederschwäbische Benediktinerkongregation
1685 gründeten die Abteien Ottobeuren, Elchingen, Irsee, Donauwörth, Füssen, Mönchsdeggingen, Fultenbach und Neresheim die niederschwäbische Benediktinerkongregation. Das Wissen um die Zusammengehörigkeit veranlasste Abt Amandus Fischer, die Ansichten der acht Kongregationsklöster in die Festsaalgestaltung einzubeziehen. Entlang der Innenwände schuf Dominikus Zimmermann neun stuckierte „Fensterausblicke“, in denen die drei Wallfahrtskirchen Neresheims und jeweils eine der acht Klosteranlagen im Flachrelief dargestellt sind. Dazu nachfolgend im Vergleich: In der oberen Bildreihe das Aussehen der Abteien nach zeitgenössischen Kupferstichenzu Beginn des 17. Jahrhunderts. In der mittleren Bildreihe ihre Darstellung im Festsaal, in barocker Erneuerung. Im Foto unten ihre heutigen Ansichten.
Skizzen:
Abtei Ottobeuren unter Abt Rupert Neß (1710-1740).Gegründet 764, 1802 säkularisiert, seit 1918 wieder Abtei.
Skizzen:
Abtei Elchingen bei Ulm unter Abt Cölestin Rieder (1706-1740). Gegründet 1120, 1802 säkularisiert, 1840 bis auf die Kirche abgebrochen.
Skizzen:
Abtei Irsee bei Kaufbeuren unter Abt Willibald Grindl (1704-1731). Gegründet 1186, 1802 säkularisiert, heute Tagungszentrum.
Skizzen:
Abtei Heiligkreuz in Donauw rth unter Abt Amandus R ls (1691-1747). Gegründet 1040, 1802 säkularisiert, seit 1877 pädagogische Stiftung.
Skizzen:
Abtei St. Magnus in Füssen unter Abt Dominikus Dierling (1714-1738). Gegründet ca. 750, 1802 säkularisiert, heute im Besitz der Stadt Füssen.
Skizzen:
Abtei Mönchsdeggingen unter Abt Heinrich Werner (1700-1743).Gegründet 959, 1802 säkularisiert, seit 1950 wieder Kloster.
Skizzen/Bilder:
Abtei Fultenbach unter Abt Magnus Schmid von Wellenstein (1700-1723). Gegründet 739, 1802 säkularisiert. 1811 bis auf die Ökonomie abgebrochen.
Abtei St. Ulrich und Afra Neresheim unter Abt Amandus Fischer (1711-1729). Gegründet 1095, 1802 säkularisiert, 1920 wiedererrichtet.
Darstellung Nr. 53
Die Reliefdarstellungen der niederschwäbischen Benediktinerklöster sind mit ihrer detailgenauen Wiedergabe von bestehender Bausubstanz und beabsichtigten Neuerungen einmalige Zeitdokumente – in kunsthandwerklich einzigartiger Qualität ausgeführt. Die Porträts dazwischen stellen vermutlich Vorfahren Mariens dar.
Auftrag und Ausführung
Dominikus Zimmermann arbeitet unweit von Neresheim, wo im Kloster Maria Medingen ein Kirchenneubau (1716-1725) nach seinen Entwürfen entsteht. Zwischen den Klöstern Maria Medingen und Neresheim bestehen langjährige Verbindungen, auf die sehr wahrscheinlich auch erste persönliche Kontakte zwischen Abt Amandus und Zimmermann zurückzuführen sind.
Am 24. Februar 1719 trifft Dominikus Zimmermann in Neresheim ein und legt einen Riss für die Stuckierung und bildliche Ausgestaltung des Festsaales vor.
Am 20. April 1719 wird die Ausführung begonnen, die in Abwesenheit von Zimmermann unter Leitung seines Palliers Nikolaus Schütz aus Landsberg steht. Am 10. November 1719 ist die Stuckierung abgeschlossen. Während dieser Zeit ist Zimmermann selbst an 41 Tagen in Neresheim anwesend, so dass ihm nicht nur das Konzept der Gesamtgestaltung, sondern auch wesentliche Details der Umsetzung, insbesondere der bildlichen Reliefbearbeitung, zuzuordnen sind. Es ist der einzige Festsaal im umfassenden und vielseitigen Gesamtwerk des Wessobrunner Baumeisters und Stuckateurs. Als Mitarbeiter sind an der Fertigstellung beteiligt: Johann Baptist Zimmermann, Maler und Stuckateur, älterer Bruder des Dominikus. Ihm wird die Mitwirkung an den Landschafts- und Dekormalereien entlang der Schmalseiten des Raumes zugeschrieben.
Die Deckenfresken führt Matthias Zink, Maler aus Eichst tt, aus. Die verschiedenen malerischen Handschriften der Wand- und Sockelbilder sprechen für die Mitarbeit weiterer Künstlerpersönlichkeiten aus dem Wessobrunner Arbeitskreis, deren Namen jedoch nicht belegt sind.
Zum dekorativen Glanz des Festaals trägt der Fliesenboden aus Solnhofer Marmor mit seinem sternförmigen Muster bei. Ihn fertigt Johann Hönle, Steinmetz aus Mörnsheim. Die Eingangsportale sind die Arbeit von Michael Gentner, Steinhauer aus Neresheim.
Das Bildprogramm
Die Weite und das Licht einzufangen, die das Kloster auf dem Ulrichsberg in besonderer Weise prägnant umgeben, sie im Innern des Raumes mit imaginären Landschaftsschilderungen und Blumenarrangements fortzuführen – dieser Gedanke bestimmt das Grundkonzept der Festsaalausmalung. Es ist in seiner Vielfalt der Stilelemente aus heutiger Sicht nicht ohne Weiteres nachvollziehbar, verkörpert jedoch die Idee des „Gartensaales“ – eine im 18. Jahrhundert sehr beliebte Form repräsentativer, ansprechend und anregend gedachter Raumgestaltung.
Das Bildprogramm umfasst drei Themenkreise: imaginäre Natur, reale Architektur und tiefe Marienverehrung. Diese drei Themenkomplexe werden souverän durch dekorative Ornamente verbunden, so dass trotz der unterschiedlichen Malweisen und Gestaltungstechniken ein in sich geschlossener Raumeindruck entsteht. Den Sockelbereich der Wände schmücken profane Landschaftsdarstellungen, die in unterschiedlich monochromer Farbgebung gehalten sind. Ihnen sind ikonografische Medaillons übergeordnet, die den zeitgemäßen Vorstel-lungen vom Aussehen bestimmter Heiliger entsprechen. Wer im Einzelnen dargestellt ist, lässt sich nur schwer deuten. Diese Porträts wechseln mit Szenarien aus dem Leben Mariens ab. Die Deckenfresken sind ganz der im 17. und 18. Jahrhundert ausgeprägten Marienglorie und Mariensymbolik gewidmet.
Die Deckenfresken
Im Zyklus der Deckenfresken, gemalt von Matthias Zink aus Eichstätt, kommt die Marienverehrung besonders zum Ausdruck. Das zentrale Hauptfresko beinhaltet die damals weit verbreitete Darstellung der „schönen Jungfrau“: Maria steigt zum Himmel empor. Ihr Blütenkranz als Symbol irdischer Jungfräulichkeit wird gegen die Sternenkrone ausgetauscht, die sie zur Königin des Himmels macht. Bei der Bildgestaltung greift Matthias Zink den Inhalt eines Wessobrunner Gnadenbildes von Innozenz Menzi (1704) auf, das durch zahlreiche Publikationen und festliche Disputationen besonders in den benediktinischen Klöstern des süddeutschen Raumes große Verehrung gefunden hatte.
Die Themen der übrigen Deckenfresken sind auf ein grafisches Werk zurückzuführen, das heute noch zum Bestand der Klosterbibliothek gehört: eine 1695 in St. Gallen erschienene Sammlung der bedeutendsten emblematischen Darstellungen zur „Immaculata Conceptio“, (der unbefleckten Empfängnis).
Anhand von „Symbola“, meist der Natur entnommen, sowie eines „Lemma“, eines lateinischen Kurztextes als Vergleichspunkt, wird in barocker Beweisführung die unbefleckte Empfängnis Mariens thematisiert. Zwölf dieser „Symbola“ und „Lemma“, die das Werk in Form von Kupferstichen illustrieren, nutzt Matthias Zink, um sie teils in monochromer, teils in lebhafter Farbgebung in die Deckenfreskierung einzubeziehen, wie das rechts wiedergegebene Beispiel zeigt.
Die Wiederherstellung
Nur etwa acht Jahrzehnte konnte der Raum in seiner eigentlichen Bestimmung als repräsentativer Festsaal für Empfänge geistlicher und weltlicher Würdenträger, für die Veranstaltungen von Musik- und Theateraufführungen genutzt werden. Mit der Besetzung des Klosters durch napoleonische Truppen im Jahr 1796 und der 1802 folgenden Säkularisation begannen die wechselvolle Zweckentfremdung sowie der allmähliche Verfall. Nach umfangreichen Voruntersuchungen wurde 1993 die grundlegende Sanierung der Bausubstanz und die Restaurierung der gesamten Ausstattung eingeleitet. 1995, zur neunhundertjährigen Wiederkehr der Klostergründung, konnten die Arbeiten erfolgreich abgeschlossen werden.