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Die Naturwissenschaften, Raum 1

Im ersten Obergeschoss des Konventbaues ist in drei Räumen der zweite zentrale Schwerpunkt des Klostermuseums zusammengefasst: die zunehmende Beschäftigung mit den Naturwissenschaften.

Teleskop, Mikroskop, Thermometer und Barometer waren erfunden. Nikolaus Kopernikus (1473-1543), Johannes Kepler (1571-1630) und Galileo Galilei (1554-1642) hatten ihre Erkenntnisse über die Funktion des Planetensystems veröffentlicht und nach jahrzehntelang heftiger Ablehnung, bis hin zur Aufforderung, „der Irrtümer und Ketzereien abzuschwören“, erwiesen sich ihre Beobachtungen und Schlussfolgerungen als begründet.

Die Aufklärung erweiterte den Horizont der hochmittelalterlich scholastischen Denkweise und die „diesseitige Welt“ mit ihren Vorgängen in der Natur rückte in den Vordergrund des allgemeinen Interesses. Die Entwicklung wurde durch den konomischen Nutzwert beschleunigt, der sich aus den neuen naturwissenschaftlichen Fortschritten schöpfen ließ. In der Folge bauten die Klöster – auch Neresheim – ihr Bildungsangebot in den naturwissenschaftlichen Disziplinen, in der Astronomie und der Mathematik erheblich aus. Es wurde nicht nur theoretisch, sondern anhand von Experimenten, Messungen und Berechnungen sowie mithilfe von Anschauungsmaterialien praxisnah unterwiesen. Mit großem Ehrgeiz und finanziellem Einsatz wurden dafür die Bibliothek erweitert, das Naturalienkabinett ergänzt und zeitgem moderne Lehrmittel angeschafft. Das aus dieser Epoche erhalten gebliebene Unterrichtsmaterial gibt Einblick in die Vorbildfunktion, die Kloster Neresheim damit während der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in der südwestdeutschen Bildungslandschaft innehatte.

Im „Michaelisaal“, dem früheren Tafelzimmer zur Zeit der Reichsabtei, lassen mehr als 120 Originalexponate aus dem Lehrmittelbestand des Klosterseminars und späteren Lyceum Carolinum ein Bild von der Unterrichtsgestaltung entstehen, mit welcher das Kloster schon wenige Jahre nach seiner Reichsunmittelbarkeit besondere Bedeutung erlangte.

Zum Anschauungsmaterial zählte auch allerlei „Kriegszeug“, Modelle von Geschützen, Feldschmieden und dergleichen mehr, mit welchem den Studenten erste technische Kenntnisse in Militärwesen und Festungsbau für ihre Berufslaufbahn sowie dem je nach Herkunft später meist obliegenden Offiziers- und Felddienst mitgegeben wurden.


Lehren und Lernen

Unter Abt Benedikt Maria Angehrn wird die Abtei Neresheim freies Reichsstift. Am 1. Oktober 1764 bestätigen Kaiser und Reichshofrat die Reichsunmittelbarkeit. Der Eigenständigkeit folgen grundlegende Reformen. Das Schulwesen wird vorbildlich ausgebaut. Im gesamten Gebiet des Reichsstiftes werden Normalschulen eingerichtet.

Das Reichsstift wendet jährlich die beachtliche Summe von 200 fl. für die Anschaffung neuester Unterrichtsinstrumente auf. Im Zeichen der Aufklärung ist man auf die Vermittlung allgemein- und naturkundlicher Elementarbildung bedacht.

Aus der beispielhaften Lehrmittelsammlung, die das Reichsstift im 18. Jahrhundert aufbaut, sind wesentliche Best nde im Original erhalten. Sie geben Einblicke in eine Reformpädagogik, die erstmals „nützliche Dinge“, alltagspraktische und berufsertüchtigende Unterweisungen in den Unterricht einbezieht.

Darstellung Nr. 44

Abt Benedikt Maria Angehrn aus Hagenwil in der Schweiz, 1755-1787. Erster Reichsprälat der Abtei Neresheim

Die Neresheimer Schulordnung

„... der Unterricht des Landvolkes ist sehr mangelhaft. Das Ganze bleibt allein dem Volke selber, dem Schulmeister und dem Pfarrer überlassen. Ein jeder schickt seine Kinder zum Schulunterricht, wann und wie er will. Jeder Schulmeister lehrt, was und wie ihm selbst gelehrt worden. Das ist so schlecht, weshalb sogar in den ansehnlichsten Ortschaften die allerwenigsten das Gedruckte mit Anstand lesen können ...“Nach dieser Bestandsaufnahme erlässt die Abtei Neresheim bereits 1721 unter Abt Amandus Fischer ihre erste richtungweisende Schulordnung, die den schlimmsten Zuständen des bloßen Auswendiglernens unter regelmäßig schmerzhafter Züchtigung entgegenwirkt.

Darstellung Nr. 45

Lehrer, Schüler und die hohe Geistlichkeit beim Unterricht. Anonymes Gemälde, 18. Jahrhundert, Wien.

1769 erscheint im Verlag des Reichsstifts Neresheim eine „Instruktion für den Schulmeister“, die im gesamten deutschsprachigen Raum als „ganz außerordentliche Erscheinung“ Beachtung findet. Es folgen mehrere Auflagen eines „Lehrbüchlein für die Neresheimischen Landschulen“ und 1790 die „Reichsstift-Neresheimische Schulordnung“. Verfasser sind die Konventualen P. Karl Nack und P. Beda Pracher, Direktoren und Visitatoren des Neresheimer Schulwesens.

„Diese Schulordnung macht dem Reichsstift Neresheim wahre Ehre“. So urteilt Friedrich Nicolai, Berlin (1733-1811), Reformer des deutschen Schulwesens.

Auf Wunsch des Abtes von St. Gallen stellt P. Beda Pracher die Neresheimer Unterrichtsmethode 1783 zur Einführung in der Schweiz vor. 1784 wird P. Beda Pracher von Herzog Karl Eugen beauftragt, seine Schulordnung an den Katholischen Schulen in Württemberg einzuführen. Die Neresheimer Bildungsreform wirkt beispiel- und impulsgebend für die künftige Ausrichtung der Volksschulen sowie die Einführung einer staatlichen Schulpflicht.


Lyceum Carolinum

1802 fällt das Reichsstift Neresheim in Folge der Säkularisation dem Hause Thurn und Taxis zu. Fürst Carl Anselm von Thurn und Taxis hebt das Kloster auf, lässt seine schulischen Einrichtungen im Hinblick auf ihre Bedeutung und ihre Reformleistungen jedoch bestehen und fortführen.

Am 1. November 1803 wird das nach ihm benannte Erziehungs- und Lehrinstitut „Lyceum Carolinum“ eröffnet. Konventuale der Abtei, die bisher bereits Lehrtätigkeiten ausübten, werden als Professoren angestellt. In benediktinischer Tradition setzen sie auch weiterhin auf eine Verbindung von humanistischer und realistischer Bildung.

Die hoffnungsvolle Fortsetzung ihres schulischen Wirkens machen zwei Ereignisse zunichte: der Tod des Fürsten im Jahr 1805 und die Mediatisierung Neresheims am 1. November 1806. Nach nur dreijährigem Bestehen muss das Lyceum Carolinum schließen. Das „pädagogische Jahrhundert“, die Epoche der Aufklärung, der Gelehrsamkeit und schulischer Entwicklung, ist in Neresheim auf dem Ulrichsberg endgültig beendet.


Die Lehrmittel des Lyceum Carolinum

Die Einführung des Neresheimer Normalschulwesens war zum Vorbild für ganz Württemberg geworden. Das Klosterseminar hatte im Gebiet des Reichsstiftes und der Region maßgeblichen Anteil an der Aus- und Weiterbildung eines versierten Handwerkernachwuchses. Es hatte zudem Talente gefördert, die dank der erworbenen Kenntnisse in Süddeutschland und den Nachbarländern in geistlichen, wissenschaftlichen und verwaltenden Diensten verantwortungsvolle Positionen bekleideten.

Die Leistungen und das Ansehen der Neresheimer Lehranstalt bewogen Fürst Carl Anselm von Thurn und Taxis als neuen Hausherrn, den Lehrbetrieb des Klosters auch nach dessen Säkularisation fortsetzen zu lassen. Das Seminar wurde in „Lyceum Carolinum“ umbenannt.

Die Schulaufsicht führte nunmehr die fürstliche Regierung in Regensburg. Die Schulleitung lag in Häden von dreizehn Professoren – ausnahmslos Mitglieder des ehemaligen Reichsstiftes. Drei Ausbildungsziele unterschieden den Lehrstoff: „Was für die sei, so zu bürgerlichen Gewerben, so zum Lehrstande und die so zum Gelehrtenstande sich bestimmten.“

In der ersten Kategorie wurden Landwirtschaft, bürgerliche Baukunst, praktisches Rechnen und Geometrie vermittelt. Für die zweite bildeten Erziehungskunst, Methodik und die Pflichten des künftigen Amtes, die Gesetze und Verordnungen für die fürstlichen Schulen, das Programm. Der Lehrplan in der dritten Gruppierung umfasste Latein und Griechisch, die Lektüre der Klassiker, Poetik, Rhetorik und Ästhetik sowie Philosophie, Elementarmathematik und Physik.

 

Darstellung Nr. 46

Architekturmodelle einer Zugbrücke und einer Dachstuhlkonstruktion sowie Funktionsmodell eines Baukranes mit frei schwebendem Tretrad. Mitte 18. Jahrhundert.

Funktionsmodelle einer stationären und einer fahrbaren Getreidemühle. Mitte 18. Jahrhundert.

Für den Unterricht standen sieben Hörsäle, die reichhaltige Bibliothek und das sogenannte Armarium, ein Naturalienkabinett mit vielfältigen Sammlungen und Instrumenten, zur Verfügung, dessen Einrichtung bereits im 16. Jahrhundert begonnen wurde. Die Ältesten Exponate unter den erhalten gebliebenen Lehrmitteln dürften noch der Aufbauzeit des Armariums zugehören, so dass sich ihre Herkunft nur vereinzelt dokumentieren lässt, was ihre historische Bedeutung und Qualität jedoch keineswegs schmälert.

Anfänglich scheint manches dem regen Kontakt und Austausch mit lehrtätigen Konventualen anderer Benediktinerklöster zu verdanken gewesen sein, die sich ebenfalls verstärkt den Naturwissenschaften zuwandten. Später wurden einzelne Geräte gezielt für Unterrichtszwecke angekauft oder ihre Anfertigung sogar in Auftrag gegeben.

Der Lehrmittelbestand des Lyceum Carolinum, der die wechselvolle Nutzung der Klosterbaulichkeiten bis in die Gegenwart überdauert hat, lässt sich in sechs Gruppen gliedern: in Architekturmodelle, Maschinenmodelle, Militaria, elektrische Geräte, Sonnenuhren und Teleskope, Mess- und Zeicheninstrumente. Die Anzahl der Architektur- und Maschinenmodelle legt nahe, dass die praxisorientierte Nachwuchsförderung „zu den bürgerlichen Gewerben“ bis zur Einstellung des Lehrbetriebes stets den Schwerpunkt bildete.

Darstellung Nr. 47

Modell eines Wagengestells zum Transport von Geschützrohren, Mörsermodell und steinerne Geschosskugeln unterschiedlichen Kalibers. Mitte 18. Jahrhundert.

Architekturmodelle

Wie lässt sich mit einfachen Mitteln eine Brücke über ein Bachbett schlagen, wie der Dachstuhl eines Wohnhauses, eines Kornspeichers aufrichten? Sowohl unter geistlicher wie fürstlicher Landeshoheit herrschte stets intensive Bautätigkeit. Der Bedarf an kenntnisreichen Zimmerleuten und Baumeistern war entsprechend groß, so dass sich eine fundierte Aus- und Weiterbildung dieser Berufsrichtung schon im Interesse der eigenen Landesentwicklung auszahlte.


Maschinenmodelle

Auf der Schwäbischen Alb wurde Eisenerzabgebaut. Entlang der Flussläufe von Kocher, Brenz und Fils arbeiteten Hammerwerke, Sensen- und Nagelschmieden neben Korn-, Öl-, Pulver- und Papiermühlen. Sie alle benötigten Fertigungsvorrichtungen: Wasserräder und deren Kraftübertragung, Mahl-, Stampf- und Rüttelwerke. Das Funktionsverständnis für die Entwicklung und den Bau dieser ersten Maschinen gehörte zum Rüstzeug einer neuen Handwerker- und Ingenieurgeneration, unterwiesen mithilfe anschaulicher Funktionsmodelle.


Militaria

Das zivile und militärische Ingenieurwesen verlief im 18. Jahrhundert noch undifferenziert. Der berufliche Werdegang von Balthasar Neumann, dem Architekten der Abteikirche, zeigt beispielhaft diese Duplizität. Nach einer Lehre als Stückgießer (Geschütz- und Glockenguss), den Studien von Feldmesserei, Geometrie, Architektur und Festungsbau wurde Neumann zum Obristen der fränkischen Kreisartillerie und zugleich zum Direktor sowohl für das zivile und kirchliche als auch das militärische Bauwesen der Hochstifte Würzburg und Bamberg ernannt. Um den Studierenden entsprechend diesem Berufsbild der Zeit auch gewisse Grundkenntnisse der Militärtechnik und -logistik, der Ballistik und des Festungsbaus vermitteln zu können, erwarb das Klosterseminar bereits um die Mitte des 18. Jahrhunderts „allerlei Kriegs- und Feldgerät“ in Modell-Form von der nahen Reichsstadt und Festung Ulm.

Darstellung Nr. 48

Elektrisiermaschine, „Leidener Flaschen“ und Demonstrationsmodell zur Funktion eines Blitzableiters. Mitte 18. Jahrhundert.

Elektrische Geräte

Wie sollte man sich etwas vorstellen, das weder fest noch flüssig, noch gasförmig war, kein Gewicht besaß, keinen Raum einnahm und doch zu den Bestandteilen der Natur gehörte? Die wohl faszinierendste Entdeckung des 17. und 18. Jahrhunderts hie Elektrizität. Francis Hawkesbee, ein englischer Naturwissenschaftler, hatte 1709 eine Maschine zur Erzeugung von Reibungselektrizität ersonnen. Der niederländische Mathematiker Mussenbroek entwickelte 1745 die „Leidener Flasche“ als ersten Kondensator elektrischer Ladungen. Benjamin Franklin konstruierte 1752 den ersten brauchbaren Blitzableiter. Alessandro Volta, Professor für Naturgeschichte in Padua, baute 1796 die nach ihm benannte „Voltaische Säule“ als erste Quelle für Gleichstrom.

Darstellung Nr. 49

Sonnenuhr (Schattenfänger) mit Kompass, Bechersonnenuhr und Säulensonnenuhr aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Sonnenuhr mit mechanischer Zeitübertragung auf ein Ziffernblatt. Ende 18. Jahrhundert.

Um das Unbegreifliche begreifbar zu machen, wurden diese Erfindungen eifrig kopiert. Eine Fülle unterschiedlicher Geräte zur sicht- oder spürbaren Demonstration elektrischer Ladungen entstand. Das elektrische Experiment gehörte zu jedem fortschrittlichen Naturkundeunterricht.


Sonnenuhren und Teleskope

Das Tageslicht bestimmte im Wesentlichen den Lebens- und Arbeitsrhythmus. Die Sonnenuhr, vom Altertum geerbt, diente in weiterentwickelter, handlicher Form als persönlicher Zeitmesser. Mechanische Räderuhren blieben infolge ihrer Größe auf bedeutende Gebäude beschränkt und die Einführung der 1505 erfundenen Federzug-Taschenuhr scheiterte für den allgemeinen Gebrauch noch lange Zeit an ihren Kosten.

Eine Sonnenuhr ließ sich dagegen mit einfachen Mitteln anfertigen. In Verbindung mit einem Astrolabium oder einem Quadranten ermöglichte sie eine verhältnismäßig genaue Zeitbestimmung. Vorausgesetzt man beherrschte Funktion und Gebrauch.

Die Abkehr von der geozentrischen Theorie, dass sich das Weltall um die Erde drehe, und die Hinwendung zur heliozentrischen Auffassung, dass die Sonne den Mittelpunkt des Planetensystems bilde, war ein ungeheuer mutiger Schritt. Er verlangte „ersichtliche“ Bestätigung. Als Statussymbol und Zeichen ihrer geänderten Geisteshaltung leisteten sich viele Klöster die eigene Sternwarte. Neresheim wiederstand der aufwendigen Tendenz, begnügte sich mit dem Erwerb mehrererwertvoller Teleskope, um die neue Himmelssicht mit bescheidenerer Ausstattung zu verfolgen.

Darstellung Nr. 50

Winkelmessgeräte, Proportionalzirkel und zehnteilig ausziehbares Fernrohr. 17. und 18. Jahrhundert.

Mess- und Zeicheninstrumente

Die neuen Erkenntnisse aus der Naturwissenschaft und Astronomie, ihre Auswertung und praktische Nutzanwendung setzten genaue Messungen voraus, die ihrerseits wieder präzise Hilfsmittel verlangten. So gehörten letztendlich weiterentwickelte oder neu aufkommende mathematische Instrumente zum Lehrmittelangebot, von denen besonders zahlreiche Quadranten, Winkelmessgeräte in unterschiedlicher Einteilung und Ausführung erhalten sind. Ebenso weist der Bestand eine Reihe von Proportionalzirkeln zur Verhältnisberechnung auf, die unter anderem auch dem Vergleich der zahlreichen orts- und landes-unterschiedlichen Maßeinheiten wie Handbreit, Elle, Fuß und Meile dienten. Bis zur Einführung des einheitlichen metrischen Systems sollten noch Jahrzehnte vergehen.


Die Bibliothek, Raum 2

Bei der barocken Erneuerung der Klosteranlage wurde 1699 auch der Neubau einer repräsentativen Bibliothek beschlossen. Ihre reiche Stuckatur wird den Wessobrunnern zugeschrieben. Die Deckengemälde führte Christian Freihart von Dinkelsbühl 1714 aus.

„Sie bauten eine Bibliothek und sammelten Bücher von allen Seiten, um allen, die darin lesen, Nutzen zu stiften.“ „Constituens bibliothecam congregavit de regionibus libros, ut omnibus legentibus utilitas conferatur.“ Inschrift über dem Eingang zur Neresheimer Klosterbibliothek.

Bis zur Säkularisation des Klosters umfasste die Bibliothek etwa 12.000 Bände, darunter kostbare Handschriften, in das 12. Jahrhundert zurückreichend, sowie zahlreiche Inkunabeln. Neben theologischer Literatur kennzeichneten bedeutende Werke der Philosophie, der Jurisprudenz und der Naturwissenschaften die herausragende Stellung des Klosters Neresheim als Lehr- und Bildungsinstitut.

Die wertvollsten Bestände befinden sich seit 1803 im Besitz der fürstlichen Hofbibliothek des Hauses Thurn und Taxis in Regensburg. Durch Schenkung und Zuerwerb verzeichnet die „Alte Bibliothek“ heute wieder rund 18.000 Titel, ergänzt von der „Neuen Bibliothek“ mit derzeit etwa 120.000 Bänden, die seit der Wiedererrichtung des Klosters im Jahre 1920 erworben wurden.

Die „Alte Bibliothek“ mit ihrer barocken Ausstattung und ihrem historischen Buchbestand befindet sich innerhalb des klösterlichen Klausurbereichs. Sie ist somit nicht allgemein Öffentlich zugänglich. Der fragile Zustand der teils mehrhundertjährig alten Bücher gestattet ihre Nutzung nur noch beschränkt.

Um den Museumsbesuchern eine Vorstellung von der reichhaltigen Raumgestaltung und dem Inventar zu vermitteln, enthält der Museumsbereich im Zimmer nach dem „Michaelisaal“ eine kleine Sonderschau zur „Alten Bibliothek“. Vor ihrer fotografischen Wiedergabe werden in Originalmöblierung ausgewählte Buchraritäten gezeigt.

 

Darstellung Nr. 51

Eine Ausgabe des Matthäus-Evangeliums, erschienen 1526. Gegenüber dem Titelblatt auf der linken Seite das Exlibris des Neresheimer Abtes Johannes Vinsternau (1510-1529).

Das Armarium, Raum 3

Neben seiner bedeutenden Bibliothek verfügte das Kloster über ein so genanntes Armarium – ein Kabinett mit Naturaliensammlungen aus den Bereichen der Mineralogie und Geologie, der Biologie und Botanik. Bereits im 17. Jahrhundert erweiterte die Abtei den Fundus ihres Kabinetts um Instrumente für astronomische Beobachtungen und mathematische Berechnungen.

Unter Abt Michael Dobler, dem letzten Reichsprälaten des Stifts und „Beschützer der Wissenschaften und Künste“, wurden in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zahlreiche Geräte zur Demonstration neuer physikalischer Erkenntnisse, insbesondere der Elektrizität erworben.

Mit experimentellen Vorführungen wurde der schulische Unterricht unterstützt. Im Zeichen der Aufklärung war man zugleich bemüht, natürliche Vorgänge verständlich zu machen, die Volksfrömmigkeit „von ihrer leichtfertigen Wundersucht und weit verbreiteten Abergläubigkeit zu reinigen.“

Darstellung Nr. 52

Abt Michael Dobler, 1787-1802, zweiter und letzter Reichsprälat, „Beschützer der Wissenschaft und Künste.“

Im Jahr von Fertigstellung und Einweihung der neuen Abteikirche erhielt das Armarium eine interessante Bereicherung: ein Gerät zur Vorführung von Vakuum und atmosphärischem Luftdruck. Es wurde von der bekannten Instrumentenbauwerkstatt Brander und Höschel in Augsburg hergestellt und trägt den Widmungsvermerk: „Michael S.R.I. Abbas XLV literam artiumque protector at museum physicum 1792.“ Der hohen Gästeschaft, die anl sslich des Kirchweihfestes erschienen war, wurde auch Einblick in das Bildungsangebot des Klosters gewährt und mit Stolz die naturwissenschaftliche Ausstattung demonstriert.

Die letzte Lehrmittelanschaffung für das Armarium datiert aus dem Jahr 1805: Voltaische Säulen zur Vorführung von „Berührungselektrizit t“. Sie sind in Form eines Tempietto angeordnet, dessen Kuppelfries die lateinische Widmung trägt: „Zu Ehren des Fürsten Carl Anselm von Thurn und Taxis als Gründer des Lyceum Carolinum in Neresheim 1805.“ Das Kloster war zu diesem Zeitpunkt bereits aufgelöst, nur noch sein Seminar in Form des Lyceum Carolinum besteht. Selbst die Ehrerbietung, die damit dem Fürsten erwiesen wurde, konnte jedoch nicht verhindern, dass auch der Schulbetrieb schon ein Jahr später, im November 1806, eingestellt werden musste.

Der letzte Raum im Museumsbereich der Naturwissenschaften, des Lehren und Lernens, zeigt das „Armarium“ mit seinem historischen Mobiliar und seiner Ausstattung, wie es zur Zeit des Lyceum Carolinum bestand. Neben den bereits dargestellten Lehrmitteln, den physikalischen und mathematischen Geräten, gehörten mehrere biologische und mineralische Sammlungen zum Anschauungsmaterial.

Zu den erhalten gebliebenen Raritäten des Armariums gehören mehrere bemerkenswerte Sammlungen, die nicht nur zur Unterrichtung, sondern teils auch zur Bekundung der naturwissenschaftlichen Aufgeschlossenheit des Klosterkonvents zur Schau gestellt wurden.


Die Mineralien

Die ersten und älteren Sammelobjekte dürften Gesteins- und Fossilienfunde aus dem Jurakalk, dem Tonschiefer und Sandstein der heimischen Alblandschaft gewesen sein. Teile davon sind mit ihrer originalen Aufbewahrung und Beschriftung erhalten. Aus der regionalen Bodenerkundung entwickelte sich ein besonderes Interesse an seltenen Mineralien, auch aus außereuropäischen Gebieten. Durch Tausch und Schenkung wurde Mitte des 18. Jahrhunderts mit dem Aufbau einer beachtlichen Mineraliensammlung begonnen.


Die Münzabgüsse

Die vielfältigen Währungen der deutschen Kleinstaaterei des 17. und 18. Jahrhunderts setzten insbesondere im Handel und Gewerbe erhebliche numismatische Kenntnisse voraus. Da eine Bevorratung allein schon der wichtigsten Münzprägungen die Mittel und Möglichkeiten des Klosters überstiegen hätte, wurden originalgetreue Gipsabgüsse beschafft und für Unterrichtszwecke am Klosterseminar und Lyzeum verwendet.


Die Federbilder

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts entwickelte sich im böhmischen Eger die Herstellung sogenannter Federbilder – authentischer Abbildungen heimischer Vögel unter Verwendung echter Federn. Als „Erfinder“ wird der 1742 geborene Peter Hironymus Tröscher benannt. Die Egerer Malerzunft griff die Idee auf. Mehrere Familienbetriebe spezialisierten sich auf die kunsthandwerkliche Fertigung der Darstellungen. Markthändler und Hausierer brachten die Bilder in Umlauf. Kurgäste der böhmischen Bäder erwarben sie als Zimmerschmuck. Später fanden derartige Darstellungen auch als Lehrtafeln in den Unterricht der Landschulen Eingang.


Die Xylothek

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entwickelte Candid Huber (1743-1813) im bayrischen Kloster Ebersberg die Idee der Holzbibliothek. Jeder „Band“ besteht aus einer bestimmten Holzart. Im Inneren befinden sich Zweige, Früchte, Samen, zuweilen auch spezifische Insekten des Gehölzes.

Die Ebersberger Xylotheken wurden zum beliebten Unterrichtsmittel naturwissenschaftlich orientierter Klosterschulen. Die Neresheimer Holzbibliothek umfasst 141 Bände über Baumholz, ganze, halbe und rankende Sträucher.

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